Vorwort von Eva Luise Köhler
Kinder und Jugendliche wollen, ja, müssen wachsen, Geist und Gefühle
entfalten, Neues entdecken und verwirklichen. In dieser Phase, in der längst
keine Stabilität erreicht ist, sind sie verletzlich. Oft genügt ein geringer
Anlass, um den jungen Menschen, seine Gedanken, seine Gefühle aus der
Bahn zu werfen.
Es macht uns betroffen, wenn eine Erkrankung einen jungen Menschen
daran hindert, die ganze Kraft seiner Lebensfülle zu entfalten. Die Kinder und
Jugendlichen, die in diesem Buch zu Wort kommen, sind aus verschiedenen
Gründen für eine gewisse Zeit nicht in der Lage, diese Vielfalt, die das
Heranwachsen eben ausmacht, zu durchleben.
Es war als therapeutischer Ansatz gedacht, den jungen Menschen die
Gelegenheit zu geben, sich ihre Sorgen von der Seele zu schreiben. Es ist
viel mehr geworden. In bisher nicht da gewesener Tiefe gewähren uns die
Betroffenen Einblick in ihre Gefühle, ihre Gedankenwelt, in ihre Seele.
Wir lernen, diese Kinder und Jugendlichen zu verstehen. Das hilft uns,
Ängste und Vorurteile zu überwinden. Es sind junge, schuldlos betroffene
Menschen und wir begreifen, dass wir sie in dieser meist vorübergehenden
Phase außergewöhnlicher Belastung nicht ausgrenzen dürfen, sondern ihnen
unsere Hilfe anbieten wollen und müssen – sowohl als Einzelne als auch als
Gesellschaft.
Ihre Texte und Bilder nehmen uns gefangen (und können uns befreien).
An einigen Stellen finden wir uns vielleicht sogar selbst wieder. So helfen
uns diese Texte auch, uns selbst besser zu verstehen. Wer hat nicht schon
einmal überlegt, ob er zu dick oder zu dünn ist, wer war nicht schon einmal
traurig, ohne genau zu wissen, warum eigentlich, wer hat nicht schon einmal
„verrückte Ideen“ gehabt? All dies gehört auch zu einem gesunden Geist. Nur
wenn diese Gedanken die Oberhand gewinnen, können sie uns in die Krise
stürzen, Reaktionen unseres Gehirns hervorrufen, die so stark sind, dass sie
als Krankheit betrachtet werden müssen.
Dieses Buch hat den Beteiligten schon durch ihre Arbeit daran und sein
Erscheinen geholfen. Ich wünsche mir, dass es mit seiner Botschaft „Du bist
nicht allein“ vielen weiteren Betroffenen Mut macht und ihren Verwandten und Freunden beim verständnisvollen Umgang mit ihnen hilft. Uns Nichtbetroffenen haben die Kinder und Jugendlichen Einblicke erlaubt, die es
uns ermöglichen, ein besseres Verständnis für psychische Erkrankungen
und psychisch Erkrankte zu gewinnen und gegebenenfalls unsere bisherigen
Einstellungen zu ihnen zu überdenken.
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