Mein Leben, Leser schreiben ihre eigene Geschichte
Liebe Leser, viele von Ihnen haben ähnlich bewegende Erfahrungen machen müssen, wie die Autoren von unserem Buch „Das Eismeer in mir“. An dieser Stelle möchten wir Ihnen die Möglichkeit geben, über Ihre Erfahrungen, Erlebnisse und Gedanken zu berichten.
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B., weiblich, 25 Jahre
Ich bin immer ein sehr ruhiges Kind gewesen – zumindest gegenüber Fremden. Meine Familie wohnt auf dem Land und hat sehr viel Wert auf korrektes Verhalten und Höflichkeit gelegt. Nichtsdestoweniger habe ich sehr früh begonnen, innerlich gegen meinen Eltern zu rebellieren. Dieser Protest begann bereits in der Grundschule: Meine Eltern hätten mich danach am liebsten weiter auf die Haupt- oder Realschule geschickt. Ich aber wollte unbedingt auf das Gymnasium, und habe mich damit letztendlich auch durchgesetzt.
Am Gymnasium kam ich auch gut zurecht – mit einer Ausnahme: Da ich nach außen hin sehr ruhig war, fand ich nur wenige Freunde. Ich litt so sehr darunter, dass ich relativ bald in die Parallelklasse wechselte. Dort glaubte ich, mehr Freunde zu haben, was sich jedoch als trügerisch erwies. Meine damals beste Freundin begann hinter meinem Rücken Lügen über mich zu verbreiten. Da ich neu war, fiel es mir nun noch schwerer, neue Freunde zu finden und ich war zeitweise eine richtige Außenseiterin.
Allerdings konnte ich mit niemandem darüber reden: Meine Schwester war gerade von zu Hause ausgezogen, und mit meinen Eltern konnte und wollte ich darüber nicht reden. Zum einen dachte ich, dass ich mit meinen Problemen allein fertig werden müsste. Zum anderen fühlte ich mich aber – mitten in der Pubertät – ohnehin sehr eingeengt durch meine (über-) fürsorglichen Eltern. Das war auch kein Wunder, schließlich war ich fast den ganzen Tag zu Hause, da ich nur wenige Freunde hatte, die zudem in der Stadt wohnten.
Eines Tages beschloss ich schließlich, dass ich es meiner ehemaligen Freundin heimzahlen wollte. Ich wollte besser sein als sie – vor allem in zweierlei Hinsicht: Ich wollte bessere Noten und eine bessere Figur als sie. Das waren zwei Dinge, in denen ich sie schlagen konnte. Zeit genug zum Lernen hatte ich schließlich, und ein bisschen Diät konnte mir auch nicht schaden.
So begann ich zu hungern – und merkte sehr schnell, dass ich damit nicht nur meiner Freundin, sondern auch meinen Eltern gegenüber überlegen fühlte. Egal was sie von mir dachten, ich war stärker als sie. Wer sonst konnte freiwillig so lange auf das Essen verzichten? Wer sonst hatte seinen Körper so sehr unter Kontrolle? So konnte ich meinen Eltern zeigen, wie sehr mir ihre überfürsorgliche Art auf die Nerven ging. Immer dieses angepasste, überkorrekte Verhalten – das nervte mich ungemein.
Ja, zu diesem Zeitpunkt WOLLTE ich meine Eltern verletzen, und das tat ich auch.
Meine Eltern merkten natürlich schnell, dass etwas mit mir nicht stimmte, zumal ich vorher keineswegs übergewichtig war. Mehrmals versuchten sie, mit mir zu reden, aber diese Gespräche empfand ich als noch größere Einmischung in meine Privatsphäre. Erst als ich eines Tages zusammenbrach und ins Krankenhaus musste, willigte ich ein eine stationäre Therapie zu machen, obwohl ich keineswegs davon überzeugt war, krank zu sein.
Der erste Klinikaufenthalt war ein richtiger Schock für mich: Mir wurden alle persönlichen Sachen abgenommen, der Kontakt zu Eltern und Freunden wurde mir verboten und ebenso wenig durfte ich das Klinikgebäude verlassen. Es waren zwar noch einige andere Patienten mit Essstörungen in der Klinik, doch wie immer fiel es mir schwer, auf sie zuzugehen. Dennoch hatte ich mich nach einer Woche einigermaßen eingewöhnt und mich auch damit abgefunden, mehrmals täglich hochkalorische Trinknahrung zu mir zu nehmen. Schon bald schlug mein Ehrgeiz wieder voll durch: Ich wollte so schnell wie möglich zunehmen, um bald entlassen zu werden – denn ich wollte schließlich perfekt sein, also auch keine Magersucht haben. Zwar wurde ich tatsächlich nach 10 Wochen – also relativ schnell - entlassen. Aber als ich wieder zu Hause war, merkte ich, dass sich im Prinzip nichts verändert hatte, und ich nach wie vor nicht klar kam.
Dementsprechend verlor ich bereits in den ersten Monaten nach meiner Entlassung wieder einige Kilos. In mir kämpften zwei Seiten: Die eine, die gesund werden und essen wollte. Die andere, die immer noch allen anderen beweisen wollte, dass sie perfekt ist. Nach einem Jahr musste ich feststellen, dass die kranke Seite immer noch stärker war, und ich ging erneut in die Klinik. Diesmal war ich zwar freiwillig dort, aber immer noch nicht viel klüger. Wieder verspürte ich den Drang, so schnell wie möglich zuzunehmen, immer mit dem Hintergedanken: „Zu Hause kann ich das dann ja wieder abnehmen.“
So erfolgte der Absturz nach der Entlassung diesmal sogar noch schneller als nach dem ersten Aufenthalt. Doch anders als ein Jahr zuvor war mir das fast egal. Ein drittes Mal in die Klinik zu gehen, kam für mich nicht in Frage. Wozu denn auch? Es hatte doch schon zweimal nicht geklappt! Außerdem wollte ich mich voll auf das Abitur konzentrieren und danach ins Ausland gehen – auf alle Fälle weit weg von der Schule und meinen Eltern.
Während meines Auslandsaufenthaltes konnte ich tatsächlich meine Krankheit weitgehend verdrängen. Ich konnte sogar mein Gewicht – wenn auch auf sehr niedrigem Niveau – halten, und ich fühlte mich zum ersten Mal richtig frei! Doch sobald ich zurück war, begann mit dem Studium eine noch schlimmere Zeit. Anders als am Gymnasium war es an der Universität schwierig, richtig gute Noten zu schreiben. Aber ich wollte immer noch die Beste sein und lernte meist von früh morgens bis spät abends. Bereits nach einem Semester war ich so ausgepowert, dass ich beschloss, doch noch mal in eine Klinik zu gehen. Mein Gewicht war so niedrig wie noch nie, und ich fühlte mich einfach überfordert.
Dieses Mal entschied ich mich jedoch bewusst für eine andere Klinik, in der es keine strengen Regeln gab – ich hoffte, dass so der Drang, möglichst schnell zuzunehmen nicht so stark sei. Tatsächlich ist mir in dieser Klinik zum ersten Mal richtig bewusst geworden, warum ich eigentlich krank geworden bin. Zum ersten Mal habe ich gesagt, was ich wirklich dachte – und nicht das, was die Therapeuten hören wollten. Zugenommen habe ich dort zwar nicht so viel – dennoch habe ich das Gefühl, dass mir der Aufenthalt mehr gebracht hat, als die beiden anderen zuvor.
Nach meiner Entlassung konnte ich das Gewicht auch erstaunlich lange halten – auch wenn es nach wie vor niedrig war. Zum ersten Mal nach einem Klinikaufenthalt begab ich mich zudem in ambulante Behandlung – was ich schon viel früher hätte tun sollen. Ich hatte eine sehr einfühlsame Therapeutin, und langsam aber sicher lernte ich, dass ich nicht perfekt sein muss und dass es viel wichtigere Dinge gibt als nur die Noten und die Figur. Ich hatte nun auch schon drei Klinikaufenthalte hinter mir, und allmählich wurde mir bewusst, dass ich tatsächlich mein Leben kaputt mache, wenn ich nicht bald wieder ein vernünftiges Essverhalten und ein vernünftiges Gewicht erlange. Trotz dieser Erkenntnis schaffte ich es einfach nicht, zuzunehmen. Egal wie sehr ich es mir wünschte, einfach nur „leben“ zu können: Vor jeder Mahlzeit hatte ich Angst, und danach fühlte ich mich dick und unwohl. Was ich auch probierte, es klappte einfach nicht! Auch an der Uni hatte ich nach wie vor Probleme – zeitweise überlegte ich sogar, das Studium abzubrechen und eine Ausbildung zu machen. Doch ich bekam auch keinen Ausbildungsplatz, so dass ich notgedrungen das Studium fortsetzte.
Nach über zwei Jahren schlug meine Therapeutin schließlich vor, dass ich es doch noch mal in einer Klinik versuchen sollte. Ich war sehr skeptisch: Was sollte ich noch mal dort? Hatte ich das Ganze nicht schon oft genug mitgemacht? Vielleicht war ich auch schon austherapiert? Ein ganzes Jahr schleppte ich mich mit diesen Gedanken herum, bis mir schließlich der Zufall zur Hilfe kam. Ganz in der Nähe hatte eine neue psychosomatische Klinik eröffnet, die noch dazu als Akut-Krankenhaus zugelassen war und noch keine langen Wartezeiten hatte.
Doch auch dort ging es mir nicht viel besser. Als hätte mich allein der Entschluss schon all meine Kräfte gekostet, schaffte ich es dort fast überhaupt nicht, zuzunehmen. Das machte mich noch depressiver, und ich bekam noch mehr Angst, dass ich es nie schaffen würde, von der Krankheit loszukommen. Die Therapeuten waren zwar der Ansicht, dass ich mich nicht selbst unter Druck setzen sollte. Aber ich selbst hatte mich schon fast aufgegeben.
Der Durchbruch kam erst nach meiner Entlassung. Offensichtlich hatte ich mich in der Klinik tatsächlich zu sehr unter Druck gesetzt. Als dann zu Hause der Druck weg war, klappte es dann plötzlich auch mit dem Essen wieder. Innerhalb weniger Monate habe ich über 10 kg zugenommen und annähernd wieder Normalgewicht erreicht. Doch dieses Mal war ich froh darüber – ich war unglaublich erleichtert, dass ich es noch einmal geschafft hatte und diesmal sogar ohne fremde Hilfe! Nach 8 Jahren war ich endlich aus der Magersucht heraus, ich konnte es gar nicht fassen!
Meine Freude war diesmal sogar berechtigt, denn das Gewicht halte ich mittlerweile seit fast 2 Jahren. Doch es scheint, als müsste ich nun den Preis für meine langjährige Hungerphase zahlen. Ich habe bereits jetzt Osteoporose (Knochenschwund) und aufgrund mehrerer Knochenbrüche kann ich mich nur noch mit Gehstützen fortbewegen. Ob sich mein Zustand wieder bessert, kann momentan niemand sagen. Alle bisherigen Therapie-Versuche waren weitestgehend erfolglos. Aber ich will mich nicht beklagen. In den letzten Jahren habe ich zwar sehr viele harte Zeiten durchgemacht, aber diese haben mich auch stärker gemacht. Ich bin um einige Erfahrungen reicher und weiß die kleinen Dinge des Lebens mehr zu schätzen. Und ich weiß, dass es immer irgendwie weitergeht, auch wenn die Situation noch so ausweglos erscheint. Und das ist ein sehr beruhigendes Gefühl.
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